Wissen: Parabolspiegel-Mikrofone

Es ist Frühling. Und mit Sonne und warmen Temperaturen kommen auch viele Zugvögel aus dem Süden zurück. Mit welcher Technik fängt man nun gezielt einzelne Vogelstimmen ein?

Warum Parabolspiegel-Mikrofone? – Kleine Mikrofonkunde

Die Natur erwacht aus ihrem Winterschlaf. Schon seit Ende März dürfen sich unsere Ohren an den allmorgendlichen und allabendlichen Vogelkonzerten erfreuen. Für (Hobby-) Field Recordisten ist dies wohl die interessanteste Jahreszeit. Was liegt da näher als sich auf die Pirsch zu machen und vielleicht die ein oder andere Aufnahme zu erstellen. Also geht es mit Sack und Pack raus in die Natur. Doch mit welchem Mikrofon fange ich einzelne Vogelstimmen heraus? Wie kann ich weiter entfernte Vögel noch hörbar aufzeichnen?

Mit Stereomikrofonen, oder einzelnen Kleinmembran-Kondensatormikrofonen fängt man ohne weitere Hilfsmittel nur ungezielt Klänge aus der Umgebung ein. Sie sind also für Atmosphären oder Mono-/Stereoaufnahmen aus nächster Umgebung interessant.

Richtrohrmikrofone, oder sog. Shotguns fangen primär Töne von vorne ein und löschen seitlich einfallenden Schall durch Phasenverschiebung aus, was eine deutliche Richtwirkung bewirkt. Das funktioniert auch teilweise bei Klängen aus etwas größerer Distanz, sofern man das Mikrofon genau ausrichtet und der Diffusfeldanteil (also die Klänge von hinten bzw. der Seite) gegenüber dem Nutzsignal der Schallquelle überwiegt.

Das gezielte Einfangen von Vogelstimmen oder anderen Geräuschen in natürlicher Umgebung ist also ohne weitere Hilfsmittel nicht so einfach. Mit Hilfe eines Parabolspiegel-Mikrofons lässt sich aber dieses Problem lösen.

Der Hohlspiegel bzw. Parabolspiegel

Beim Militär fand der Hohl- bzw. Parabolspiegel in Form von riesigen Stahlbetonschalen Verwendung, um in den Zwanziger und Dreißigerjahren nach feindlichen Fluzgeugen in großer Entfernung zu lauschen. Zunächst noch ohne Elektronik, später aber auch mit eingebauten Mikrofonen. Parabolspiegel finden heute in vielerlei Hinsicht Anwendung, z.B. zum Empfang und Senden von Satellitensignalen.

Ein Parabolspiegel-Mikrofon nutzt die Reflexion und den Bündelungseffekt eines Parabolspiegels. Dabei kann man es sich wie ein großes Ohr vorstellen, in dem sich in seinem Brennpunkt der Schall bündelt und somit natürlich verstärkt empfangen wird. Das Mikrofon wird im Schnittpunkt der reflektierten, parallel einfallenden Schallwellen positioniert.

Wer genau wissen will, was ein Parabolspiegel ist und wie er funktioniert, kann bei Wikipedia einen umfassenden Artikel finden (http://de.wikipedia.org/wiki/Parabolspiegel).

Auch gibt es einen Artikel über das Hohlspiegelmikrofon, was prinzipiell das selbe ist. (http://de.wikipedia.org/wiki/Hohlspiegelmikrofon)

Die Nutzung des Parabolspiegel-Mikrofons für Klangaufnahmen

Irgendwann – so ganz genau kann man es auch im weltweiten Internet nicht nachforschen – haben wohl im frühen zwanzigsten Jahrhundert, findige Techniker oder Ornithologen die Wirkung eines Parabolspiegels auf Schallsignale erkannt und für sich umgesetzt. Dabei haben sie ein Mikrofon in den sogenannten Brenn- oder Fokuspunkt gesetzt und konnten so gezielt Vogelstimmen einfangen. Im Internet finden sich einige alte Fotos von Ornithologen und Field Recordisten wie z.B. Arthur Augustus Allen, Peter Paul Kellogg, Ludwig Koch und weiteren, die schon sehr früh diese Mikrofontechnik genutzt haben.

Wichtig für die Praxis: Man sollte Parabolspiegel niemals lange in die Sonne zeigend halten, auch nicht wenn der Himmel bewölkt ist, denn der Spiegel funktioniert nicht nur bei Schall, sondern auch  bei Sonnenstrahlen, sodass der Spiegel selbst, als auch das Mikrofon im Brennpunkt Schaden nehmen können!

Welches Mikrofon mit welcher Richtcharakteristik?

Wenn der Parabolspiegel kein fest eingebautes Mikrofon besitzt, dann lassen sich meist eine Vielzahl an Mikrofonen anbringen. In der Regel sind die Parabolspiegel für Mono Kleinmembran-Kondensatormikrofone vorgesehen, die alle um die 19-22mm dick und mal kürzer, oder mal länger konstruiert sind.

Als Richtcharakteristik hat sich die Kugel durchgesetzt, da sie das meiste Signal aus dem Parabolspiegel abfängt. Einige Recordisten schwören jedoch auf Niere, da diese nicht ganz so viel Umgebungsgeräusche, sondern stattdessen mehr Schall aus Richtung des Fokuspunkts einfängt. Hier gilt notfalls verschiedene Mikrofone und Richtcharakteristiken zu probieren, da Parabolspiegel und deren Haltekonstruktionen unterschiedlich ausfallen. Auch sollte man sich umhören mit welchen Kombinationen andere Recordisten gute Erfahrungen gemacht haben.

Schlüsselfaktoren bei der Auswahl

Was macht ein gutes Parabolspiegel-Mikrofon aus, worauf muss man beim Kauf achten? Wichtige Schlüsselfaktoren hierbei sind:

  • Schutz durch Polsterung gegen Handhabungsgeräusche
  • Ein Schutz gegen Windgeräusche ist bei Außenaufnahmen Pflicht. Parabolspiegel sind sehr windlastig, da auch kein Schaumstoffwindschutz mehr. Es empfiehlt sich einen passenden Windschutz gleich mitzubestellen. Dieser wird oft in Form von speziellen Stoffhüllen angeboten, die über die Mikrofonhalterung oder den ganzen Parabolspiegel gezogen werden. Teilweise nähen sich Anwender auch selbst Konstruktionen aus Stoffen mit Fellimitat („Dead Cat“ Fellwindschutz) in unauffälligen (Tarn-) Farben.
  • Die Größe des Parabolspiegels – ein großer Spiegel hat einen besseren Frequenzgang im Tieftonbereich.
  • Saubere Schaltungen – damit sind hochwertige, elektronische Schaltungen ohne Störgeräusche (z.B. Brummen), wenig Eigenrauschen, saubere Spannungsversorgung der Mikrofonkapseln durch Phantomspeisung, etc.
  • Mono oder Stereo – Für die meisten wird Monomikrofon am Parabolspiegel vollkommen ausreichen, insbesondere wenn gezielte Aufnahmen eines einzelnen Tieres gewünscht sind. Es gibt einige Hersteller, die neben dem Mikrofon am Fokuspunkt noch zusätzlich ein Stereomikrofon am Parabolspiegel anbieten. Dies ist ideal für die zusätzliche oder alternative Aufnahme von Umgebungsgeräuschen. Dies macht die Aufnahme im kreativen Umfeld interessanter, insbesondere wenn man über mindestens drei Mikrofonvorverstärker und Aufnahmekanäle verfügt, was eine nachträgliche Mischung der beiden Mikrofonsignale ermöglicht. Für dokumentarische bzw. wissenschaftliche Einsätze wird man jedoch eher auf Monosignale setzen.
  • Klangbeispiele des Herstellers und von (unabhängigen) Quellen bzw. den Usern sind wertvolle Entscheidungshilfen. Dabei sollten die Aufnahmen unbearbeitet und unkomprimiert sein und in möglichst hoher Qualität vorliegen.
  • Ohne Frage ist die „Community“ eine große Hilfe. Es gibt zahlreiche Foren, Gruppierungen und Blogs. Und alle sind fast durchweg hilfsbereit, teilen gerne ihr Wissen und haben teilweise auch Erfahrungen mit Parabolspiegel-Mikrofonen. Webseiten rund um das Thema Field Recording (wie z.B. FieldRecording.de) bieten oft hilfreiche Testberichte von Field Recording Equipment.
  • Man sollte sich nicht nur von Marketing und technischen Daten blenden oder gar verunsichern lassen. Wie für alle Mikrofone gilt: All die Technik, die Spezifikationen und theoretischen Werte sind nur die halbe Wahrheit. Eine gutes Unternehmen lässt euch nicht nur seine Features wissen, sondern scheut auch keinen kritischen Vergleich zu Mitbewerbern. Und letztlich gilt: Es spricht (positiv gesehen) Bände, wenn ein Produkt/Hersteller in der Community weit verbreitet ist und genutzt wird.
  • Ein letzter, guter Tip ist Produkte nur von namhaften Herstellern mit guter Reputation zu kaufen. Man kauft einfach sicherer von einem erfahrenen Hersteller, als beispielsweise von Fernost-Fabriken mit großer Qualitätsstreuung. Zudem ist der kompetente und persönliche Kontakt zum Hersteller-Support ein nicht zu vernachlässigender Faktor.

Auf FieldRecording.de findet ihr demnächst ein Review zu Parabolspiegelmikrofonen von Wildtronics, sowie ein Vergleich von drei dazu passenden Sennheiser Mikrofonen mit Kugelcharakteristik.

Links zu Herstellern von Parabolspiegel-Mikrofonen

Telinga www.telinga.com

Wildtronics www.wildtronics.com

LISN – unbekannt

Dodotronic www.dodotronic.com/

Sebastian-Thies Hinrichsen

Sebastian-Thies Hinrichsen

Gründer, Betreiber und Chefredakteur von FieldRecording.de. Zudem Field Recordist und offizielles Mitglied der Wildlife Sound Recording Society. Profi mit mehrjähriger Erfahrung in Sachen Musik, Klanggestaltung, Tontechnik und Field Recording.