Interview: Gordon Hempton – Der Sound Tracker

Für Teil zwei unseres Interview-Zweiteilers gab Emmy-Award Gewinner Gordon Hempton FieldRecording.de exklusive Einblicke in seine Karriere, seine Werkzeuge, warum er fast ausschließlich mit einem Kunstkopf aufnimmt, gibt Tips zu Equipment und offenbart uns schlussendlich seine spezielle Herangehensweise an Field Recording.

You can find the interview in English HERE.

Teil 2/2: Gordon Hempton – Akustik Ökologe und professioneller Field Recordist

FieldRecording.de: Gordon, du hast einen Abschluss in Botanik und Pflanzenpathologie. Kommt daher deine Liebe zur Natur? Und wie wird man als Botaniker plötzlich Field Recordist?

Pflanzen zu studieren ist faszinierend. Sie sind für mich in gewisser Weise überlegen, da sie nicht umherwandern müssen, um das zu bekommen was sie brauchen. Stattdessen brauchen sie nur Sonne, Wasser und Erde. Ihre Ökologie verweist auf die Samen. Ich könnte noch weiter über Pflanzen reden. Ich denke dieses Studienobjekt erzeugte bei mir ein Gefühl von Ehrfurcht vor der Natur und da ich meistens bei meiner Arbeit draußen war, habe ich auch gelernt draußen zu leben und mich von den Pflanzen zu ernähren, die ich studierte. Ich war aber immer noch kein Zuhörer.

Der Film erzählt von meiner Erleuchtung während eines Gewitters. Wenn du hinhörst, so richtig hinhörst, kann dich das was du hörst verändern, und ich tat es. Es war ein Zufall, ein rechtzeitiger dazu. Ich empfand dies als mein spirituelles Erwachen und mein Portal zur direkten Wahrnehmung der Natur und nicht durch Naturdokumentationen oder Bücher. Ich habe dadurch, dass ich Field Recordist geworden bin, gelernt meinen Instinkten zu vertrauen. Als ich herausfand wie teuer das Equipment war, nun ja, das gab mir dann den Anstoß und den Ehrgeiz professionell zu werden – abgesehen davon gab es zu der Zeit keine „Akustik Ökologen“. Dieses Feld hatte noch nicht einmal einen Namen.

FieldRecording.de: Du bezeichnest dich auch als Akustik Ökologe, was genau ist damit gemeint?

Akustik Ökologie ist die Lehre vom Schall in der Umwelt, wie und warum Tiere Nachrichten senden und empfangen und die Hindernisse, vor denen diese Kommunikation steht, um die Verständlichkeit zu erhalten. Die Erde sendet auch Nachrichten im großen Stil, wie z.B. die unstete Melodie des Morgenkonzerts der Singvögel, die die Welt ständig umkreist. Seine Nachricht ist aufzustehen, sich ihr anzuschließen und sich selbst auszudrücken.

FieldRecording.de: Nobelpreisträger Robert Koch soll 1905 gesagt haben (Zitat): „Eines Tages wird der Mensch den Lärm ebenso unerbittlich bekämpfen müssen, wie die Cholera und die Pest.“ Was sagst du dazu?

Er hatte durchaus recht. Es gibt mehr als 5.000 medizinische Forschungsartikel, die die gesundheitsschädlichen Effekte von Lärm auf die menschliche Gesundheit dokumentieren, wie z.B. Hörverlust. Koch hat übrigens Koch´s Postulate entwickelt, die das Fundament der modernen Medizin sind, wodurch Krankheitserreger isoliert und ihnen Krankheiten zugeschrieben werden können. Er war also ein schlauer Kerl.

FieldRecording.de: Mit welchem Equipment hast du angefangen?

Am Anfang habe ich das benutzt, was mir andere Leute empfohlen haben und ich fand schnell heraus, dass ich Lehrgeld bezahlte: Es war alles das falsche Zeug! Ich wollte Equipment das Klänge so aufzeichnet, wie ein Mensch sie hört. Dann fand ich den binauralen Kunstkopf „Fritz“, besser bekannt als Neumann KU 81 und es war Liebe auf´s erste Hören – Bingo! Ich hatte meine Antwort.

FieldRecording.de: Welches Equipment besitzt du aktuell für deine Arbeit?

Ich habe immer noch Fritz und er ist weiterhin mein treuer Begleiter, aber wenn ein Kunde etwas anderes braucht, dann habe ich ungefähr 20 andere Mikrofone und vier andere Rekorder zur Auswahl. Im Allgemeinen wird Top-Qualität gefordert und damit meine ich nicht zwangsläufig das teuerste Equipment, auch wenn das meistens wahr ist. Ich meine, welches Equipment klingt für DICH am besten. Denn DU bist alles was du hast, wenn es darauf ankommt dein Bestes zu geben. Vertraue deinen Ohren, nicht jemand anderem.

FieldRecording.de: Dein treuer Begleiter ist also der Neumann Kunstkopf. Handelt es sich dabei um den KU 80, KU 81, oder die verbesserte Version KU 81i?

Ich habe alle Kunstköpfe ausprobiert und der KU 81i ist der einzige den ich empfehle. Selbst der KU 100, der den KU 81i ersetzte, klingt weniger natürlich für mich. Die KU 81i sind selten und teuer, aber man kann hin und wieder bei eBay einen für weniger als 4.000 US-Dollar ergattern.

FieldRecording.de: Wie kam es, dass du dich auf die binaurale Tonaufzeichnung mit einem Kunstkopf spezialisiert hast? Was macht die Kunstkopfstereofonie für dich so besonders?

Binaural ist die einzige aktuelle Technologie, die am nächsten dran ist, wenn es darum geht das menschliche Gehör zu replizieren. Ich möchte in der Lage sein mein Publikum exakt an den Punkt des Zuhörens zu bringen. Das kann ich mit Binaural. Wenn du aber eine Aufnahme für ein Studio machst, die das dann mischen und in einen Ort der Fantasie verändern, dann ist ein anderes Mikrofon am besten. Aber immerhin, binaural kann auch kompatibel für die Wiedergabe über Lautsprecher sein, vor allem der KU 81i. Immerhin bekam ich einen Emmy für die Klangwiedergabe über Lautsprecher in „Vanishing Dawn Chorus“ (PBS 1992) und der Ton wurde binaural aufgezeichnet.

FieldRecording.de: Welche Mikrofonierung (XY, MS, Surround,…) bzw. Sets empfiehlst du für gute Naturaufnahmen?

Ich habe viele Systeme für Naturaufnahmen verwendet, aber nur wenn ein bestimmtes Projekt eines Kunden dies erforderte. Daher bin ich mit verschiedenen Setups und Konfigurationen vertraut. Aber ohne zu zögern würde ich sagen qualitativ hochwertige, binaurale Mikrofone (rechne damit mehr als 5.000 US-Dollar dafür zahlen zu müssen) sind immer noch das beste, wenn man an einem unberührten Ort ist. Wenn man nicht an einem unberührten Ort ist, nun ja, dann benutze was auch immer du zur Verfügung hast. Denke immer daran: Es geht nicht darum ganz nah dran zu sein, tritt etwas zurück, lass die Akustik zu einem Teil der Aufnahme werden.

FieldRecording.de: Empfiehlst du offene Mikros mit Kugelcharakteristik, oder stark gerichtete Mikrofone mit z.B. Keulen-Charakteristik für Field Recordings? Oder hängt das davon ab, ob man Atmosphären oder einzelne Klänge aufzeichnen will?

Wenn ich Atmos aufnehme, verwende ich immer binaural. Wenn ich etwas Spezifischem hinterher bin und einen Klang von einer Umgebung isolieren will, dann nehme ich z.B. für Vogelgesänge eine Kugel in einem Parabolspiegel, eine Superniere (auch bekannt als kurzes Richtrohr/Shotgun) wenn ich Tieftöne brauche. Oder eine Shotgun (normales Richtrohr), wenn ich einen sehr engen Winkel und Tiefen brauche. Brauche ich eine Atmo mit einer Art blinden Seite, die abgewandt von unerwünschten Geräuschquellen ist, dann ist M/S OK. Aber ich bevorzuge ORTF mit einem Paar Nieren.

Wahrscheinlich ein größeres Problem für Naturaufnahmen ist aber das Rauschen. Du brauchst sehr rauscharme und damit teure Mikrofone. Aber das ist noch nicht die ganze Geschichte, du brauchst auch ein sehr gutes Impulsverhalten um alle Schwankungen eines Vogelgesangs und besonders die von Insekten einzufangen.

Wenn du alles über Naturaufnahmen lernen willst, dann ist es das Beste etwas Geld zu sparen und einen professionellen Tonmenschen für Naturaufnahmen zu fragen, ob er dir Unterricht über die Nutzung ihres Equipments geben kann. Rechne ungefähr mit 1.000 US-Dollar am Tag und plane ca. drei Tage ein, das wird dir auf lange Sicht Geld und Jahre der Anstrengung ersparen.

FieldRecording.de: Um welche Teile planst du dein Equipment bald zu erweitern?

Ich erweitere ständig mein Equipment um meine Wissensbasis zu erweitern. Das Equipment wird immer kleiner und billiger, aber nicht besser klingend. Der Vorteil beim Kauf billigen Equipments ist, dass du mehr Risiken eingehen kannst. Erkunde das Knistern des Lagerfeuers ein Stück näher, vielleicht. 😉 Es gibt nichts auf meiner Wunschliste, kein neues Produkt das mich anspricht. Selbst wenn ich alles Geld der Welt hätte, würde ich es nicht für mehr Equipment ausgeben. Ich habe meine Antworten.

FieldRecording.de: Nimmst du auch mit Parabolspiegel auf?

Sicher. Ich benutze einen aus Polycarbonat für den Sound den ich mag. Metall und Fiberglas klingen nicht richtig für mich. Der Klang wird durch das Material der Parabolspiegel gefärbt. Übrigens: Benutze ein wirklich rauscharmes Kugelmikrofon, wie z.B. ein Sennheiser MKH 20, für beste Ergebnisse und experimentiere mit den Positionen außerhalb oder innerhalb des Fokus. Hab Spaß, spiele!

FieldRecording.de: Gibt es einen Ausrüstungsgegenstand ohne den du das Haus nie verlassen würdest?

Eine Dose Kopenhagener Schnupftabak? Danach käme der Kunstkopf, Sound Devices 722 Digitalrekorder und alles was dazwischen liegt, alles einsatzbereit verstaut. Du musst in weniger als einer Minute bereit sein den Aufnahmeknopf zu drücken um den Sound zu bekommen, bei jedem Wetter. Ich habe das alles fertig eingepackt, so brauche ich mir über Equipment keine Sorgen mehr machen. Ich fühle nur – ohne zu sprechen – den Ort an dem ich bin und reagiere in dem ich mich intuitiv zum idealen Punkt bewege, wo alles zusammenkommt. Es ist ziemlich ähnlich wie bei der Fotografie, wenn das Licht richtig ist, musst du bereit sein und einfach nur Ausschau halten. Ich muss bereit sein und einfach nur zuhören.

FieldRecording.de: Wie und mit welchen Tools bearbeitest du deine Aufnahmen?

Ich habe über 50 Stunden pro Woche in den letzten drei Jahren mit dem Editieren meiner Aufnahmen für Quiet Planet verbracht. Wir veröffentlichen eine kolossale Sound Library, die – so hoffen wir – die Art wie Menschen die Natur in Filmen, Radio, Apps, Videospielen oder wo auch immer hören verändert. Ich versuche im Studio nicht das zu tun, was ich hätte vor Ort tun können: Den richtigen Ort finden und dann auf den richtigen Moment warten.

Daher ist meine Editing Software ziemlich antiquiert aber vertraut, ich kann damit schnell arbeiten. Ich hörte damit auf Pro Tools zu benutzen als Sound Designer II und Deck verschwanden, vor einer langen, langen Zeit. Mittlerweile nutze ich eine alte Version von Sound Forge – bevor es an Sony verkauft wurde – mit ein paar Waves Plug-Ins. Spektrumanalyse ist ein praktisches Hilfsmittel um einen Klang zu studieren, wenn man Probleme mit dem Gehör hat. Noch besser ist natürlich ein paar JUNGE Ohren neben sich sitzen zu haben (wenn du über 30 bist) um deine Arbeit prüfen und kommentieren zu lassen. Meine Tochter (23 Jahre alt) hat kürzlich sechs Tage in den letzten zwei Wochen in die Endkontrolle von Quiet Planet´s „Flowing Water Collection“ und der „Waves Collection“ investiert. Sie hat die Ohren, die ich gern noch hätte.

FieldRecording.de: Erfahren deine Aufnahmen vor der Veröffentlichung noch ein Mastering?

Meine Aufnahmen sind mein Werk und verlassen nie meine Hände bis zur Veröffentlichung. Da meine Arbeit wesentlich im Freien und nicht im Studio ist, gibt es sehr wenig was ich tun muss außer meine Portraits herauspicken, Start- und Endpunkt bestimmen und eine genaue Kontrolle durchführen.

FieldRecording.de: Als begeisterter Field Recordist kenne ich ein Problem zu gut: Den perfekten Moment und Ort für erstklassige Aufnahmen zu finden. Wie hast du für deine bisherigen Aufnahmen geschafft?

Ich habe etwa 50 Personen Field Recording im Rahmen von Workshops in den 90er Jahren unterrichtet, zuletzt durch Privatunterricht. Der technische Teil dauert nur ein paar Stunden, der Rest der Zeit wird mit damit verbracht in jedem Studenten das Selbstvertrauen zu stärken, dass sie nicht nur als Zuhörer geboren wurden, sondern das sie anders hören als jeder andere. Versuche nicht zu hören was ich höre, öffne dich ganz einfach und höre was du hörst, dann mach was du willst. Je weniger du darüber nachdenkst was zu tun ist und je mehr du einfach nur emotional reagierst auf das was du hörst, umso besser.

Und denke daran: Enttäuschung ist nur eine getarnte Erleuchtung. Du wirst oft enttäuscht sein, von dir selbst, von einem Ort. Die Liste ist endlos, aber komm darüber hinweg, trauere wenn du kannst, und dann schließlich bist du angekommen, vollständig, in einem Moment des wahren Zuhörens. Ich schrieb einmal ein Gedicht mit dem Titel „The Victory of Defeat“ (dt. „Der Sieg der Niederlage“, Anm. d. Redaktion), das ich leider verloren habe. Aber die Botschaft ist immer noch bei mir: Sobald das Ego besiegt ist, offenbart sich die Welt.

FieldRecording.de: Wie lange verbringst du in der Natur für deine Aufnahmen?

Nun, in den letzten zwei Jahren, seitdem ich mit meiner Schwerhörigkeit zu tun hatte, ist meine Aufnahmezeit auf ein paar Wochen im Jahr kläglich geschrumpft, an denen ich einfach mal raus muss. Ich fing an mit normal hörenden Leuten zu arbeiten, um meine Arbeit fortzusetzen. Aber zum Glück kommt dank ärztlicher Behandlung mein Hörvermögen wieder und ich rechne damit wieder zu meinem normalen Plan zu kommen, der da ist: Eine Woche jeden Monat, plus einen ganzen Monat jedes Jahr.

Ich brauche ein große Stücke Zeit, weil in der Regel große Distanzen zu fliegen sind und dann noch viele Stunden Fahrt, dann endlich Wandern, bis ich an der Location ankomme. Einmal angekommen, muss ich sie erst einmal kennenlernen. Ich benötige drei Tage ohne Kontakt mit der modernen Zivilisation, um mit dem Ort eins zu werden und hoffentlich zwei Wochen die richtigen Gelegenheiten ausfindig zu machen. Also praktisch gesehen sind die einwöchigen Trips um mich gesund zu halten und der einmonatige Trip um bestmögliche Arbeit abzuliefern.

FieldRecording.de: Wenn du eine als die denkwürdigste deiner Aufnahmen herauspicken solltest, welche wäre es?

Ich erinnere mich an so viele wunderbare Möglichkeiten zuzuhören. Wenn ich eine Pistole am Kopf hätte und müsste mich in zehn Sekunden entscheiden, würde ich sagen: Die größte Violine der Natur.

Und es ist schwer zu erklären warum, anders als das Gefühl, das es mir gibt. Wenn ich in einen am Strand angetriebenen Baumstamm hinein gehe, vergesse ich die Zeit und ich bin einfach völlig präsent und lebendig. Ich höre auf in Worten zu denken und erlebe die Welt anders, Gefühle sind meine Gedanken, mein Denken verschiebt sich aus meinem Kopf in mein Herz.

Ich habe mehr als 700 dieser Baumstämme aufgenommen. Jeder ist anders. Ich hoffe mein Blogeintrag dazu gefällt. (https://soundcloud.com/airbornesound/gordon-hempton-natures-largest-violin)

FieldRecording.de: Gordon, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast unsere Fragen zu beantworten. Wir wünschen dir alles erdenklich Gute und weiterhin viel Erfolg als Sound Tracker und hoffen noch sehr viele, wunderschöne Aufnahmen von dir zu hören!

Links:

Webseite von Gordon Hempton: www.soundtracker.com
Gordon Hemptons „Quiet Planet“ Produkte: www.quietplanet.com
Gordon Hemptons Projekt „One Square Inch of Silence“: www.onesquareinch.org

Interessante Links zum Thema:

Gordon Hemptons mehrteilige Audio-Kolumne „Das Ohr zur Welt“ für Zeit Online: http://www.zeit.de/serie/hoer-reise
Binaurale Tonaufnahme: http://de.wikipedia.org/wiki/Binaurale_Tonaufnahme
Neumann KU 100 Kunstkopf: http://www.neumann.com/?lang=de&id=current_microphones&cid=ku100_description
Sennheiser MKH 20-P48: http://de-de.sennheiser.com/mikrofon-klangkoerper-soloinstrumente-kondensatormikrofon-mkh-20-p48
Olympic National Park: http://www.nps.gov/olym/index.htm 

Sebastian-Thies Hinrichsen

Sebastian-Thies Hinrichsen

Gründer, Betreiber und Chefredakteur von FieldRecording.de. Zudem Field Recordist und offizielles Mitglied der Wildlife Sound Recording Society. Profi mit mehrjähriger Erfahrung in Sachen Musik, Klanggestaltung, Tontechnik und Field Recording.