Interview: Nicholas Sherman – Der Macher von SOUNDTRACKER

FieldRecording.de konnte Emmy-Award Gewinner, Field Recordist und „Sound Tracker“ Gordon Hempton, sowie Dokumentarfilmer Nicholas Sherman vom Film SOUNDTRACKER für ein exklusives Interview gewinnen.

You can find the interview in English HERE.

Teil 1/2: Nicholas Sherman – Dokumentarfilmer und Hobby Field Recordist

Im ersten Teil unseres Interview-Zweiteilers gibt uns der junge Filmemacher Nicholas Sherman einen exklusiven Einblick in die Entstehungsgeschichte seiner Dokumentation, wie es zur Idee und der Zusammenarbeit kam und bringt uns den Menschen Gordon Hempton ein wenig näher.

FieldRecording.de: Nicholas, wie bist du so jung dazu gekommen Filme zu produzieren?

Ich studierte Philosophie an der Universität und strebte einen Hochschulabschuss in Filmproduktion an, um Filme machen zu können, die einige der gleichen Fragen behandeln würden, die ich selbst am liebsten in Philosophie stellte. Ich hatte Glück direkt nach der Filmschule bei Frederick Marx, der u.a. Regie in „Hoop Dreams“ führte, eine Ausbildung machen zu können. Wir drehten zusammen einen Film namens „Journey From Zanskar“ im Himalaya Gebirge.

Nach meiner Rückkehr aus Indien fühlte ich mich bereit meinen eigenen Kino-Dokumentarfilm zu drehen und begann schnell mit der Suche nach dem richtigen Thema.

FieldRecording.de: Wie kam es zu der Idee für den Film?

Ich war immer an Kontemplation, der Natur und Individualismus interessiert gewesen. Eines Morgens las ich Zeitung und darin war ein Artikel über Gordon Hempton abgedruckt und er schien wie ein Mann zu sein, der drei von meiner großen Interessen verkörperte, so dass ich schnell versuchte ihn zu kontaktieren um zu sehen, ob er Interesse hätte der Gegenstand eines Film zu sein.

FieldRecording.de: Wie kam es schließlich zur Zusammenarbeit mit Gordon Hempton?

Wir machten ein zweitägiges Probeshooting um viele Fragen zu beantworten, z.B.: Würden wir miteinander auskommen? Würden wir in der Lage sein zu filmen, ohne seine Aufnahmen zu unterbrechen? Wovon würde der Film handeln? Am Ende dieses Wochenendes planten wir einen einen größeren Dreh der ein paar Monate später stattfand.

FieldRecording.de: Wie würdest du Gordon Hempton charakterlich beschreiben?

Leute denken oft, er wäre umständlich und verschlossen, weil er so viel Zeit in der Einsamkeit verbringt, aber eigentlich ist er das Gegenteil. Er ist sehr sozial und freundet sich mit Fremden ganz leicht an. Er verbringt so viel Zeit alleine mit seinen Gedanken, dass wenn er lebenden, atmenden Menschen begegnet, in der Regel er derjenige ist, der Gespräche am Leben erhält und bereitwillig seine vielen neuen Ideen die ihm während der Einsamkeit gekommen sind, mitzuteilen.

Und er ist in einer Art und Weise sehr engagiert und leidenschaftlich in seiner Arbeit, wie es nur selten zu sehen ist.

FieldRecording.de: Was machen Hemptons Field Recordings für dich so besonders?

Technisch sind sie erstaunlich. Aber der wertvollste Teil an ihnen ist die ganze Arbeit, die in die Suche gesteckt wird. Viele Recordisten verbringen viel Zeit mit der Erforschung von Ausrüstung, Mikrofonplatzierung und dergleichen. Gordon hat diese Entscheidungen bereits vor langer Zeit getroffen und hält an ihnen fest. Jetzt ist also die meiste Arbeit für ihn die Erkundung der Welt und die Suche nach dem richtigen Ort um zu lauschen.

Für jede Aufnahme die er veröffentlicht gibt es Hunderte, wenn nicht Tausende von ähnlichen Aufnahmen, die dem sehr nahe kommen, aber nicht perfekt sind. Er ist immer zur Perfektion getrieben.

FieldRecording.de: Gab es ein Drehbuch, oder habt ihr euch einfach von Gordons Arbeit leiten lassen?

Wenn es ein Skript gab, dann kann ich mich nicht einmal mehr daran erinnern, es wurde sofort weg geworfen. Die Geschichte vom Soundtracker entwickelte sich organisch. Ich glaube, dass dies alle großen Geschichten tun. Es hat uns sehr überrascht, als er plötzlich anfing Züge aufzunehmen. Wir dachten, dass es vielleicht ein oder zwei Tage dauert, aber er ging bis an die Grenzen.

FieldRecording.de: War SOUNDTRACKER als TV-Doku, oder als Kinofilm gedacht?

Als ein Dokumentarfilm, aber es war weniger ein Plan. Und es gab keine Finanzierung. Völlig unabhängig mit einem zwei Mann Team.

FieldRecording.de: Auf welchem Material habt ihr gedreht?

HDV („High Definition Video“ – kostengünstiges Amateur-Videoformat unterhalb der professionellen Broadcast-Formate DVCPRO-HD und HDCAM angesiedelt, Anmerkung der Redaktion)

FieldRecording.de: Habt ihr die Originalaufnahmen von Gordon für den Film benutzt?

Ja, so oft es möglich war. Der Trick war dem Zuschauer klar zu machen, wann wir Gordon´s erstaunlichen Klängen zuhören, um nicht mit dem weit unterlegenen Originalton des Films zu verwirren. Wir gaben ihnen Namen, und kündigten sie mit Titel und einem Tonaufnahme-Piepton an, um den Beginn seiner Aufnahmen im Film hervorzuheben.

FieldRecording.de: Wie groß war das Team um dich herum?

Wir waren zwei Leute, inklusive mir. Ich führte Regie, produzierte und nahm den Ton auf, während mein Kameramann den Film drehte.

FieldRecording.de: Gab es für dich besondere Momente oder Situationen während der Dreharbeiten?

Wir lebten wie Vagabunden während der Produktion des Films, schliefen am Straßenrand in Zelten oder im Auto. Wir waren nur einmal die Woche in einem Hotel um die Batterien wieder aufzuladen. Es war eine Menge Spaß! Ein besonderer Moment geschah, als wir in einem Tal namens Pipestone Canyon waren, das einen erstaunlichen, natürlichen Hall hatte und wunderschön klingende Lerchenstärlinge.

Wir standen um vier Uhr morgens auf, um den Sonnenaufgang aufzunehmen, aber Gordon war schneller als wir und überraschte uns damit, als er mit der Aufzeichnung begann und wir noch nicht bereit waren, es war zu spät. Es gab ein ungeschriebenes Gesetz: Wenn er den Aufnahmeknopf drückte hatten wir auf der Stelle stehenzubleiben, egal ob wir bereit waren oder nicht.

Also verharrten wir an diesem Morgen für knapp eine Stunde von 4:45 bis 5:45 in sehr umkomfortabler Position. Das Stativ war auf meiner Schulter und meine Muskeln fingen an zu verkrampfen und es war verdammt kalt. Es schmerzte überall, aber nach ungefähr 40 Minuten der Stille hörten wir den wohl schönsten Ruf eines Felsengebirgshuhns und das war es wert.

Der Ton ist im Film, aber er ist nicht ganz so wertvoll, es waren eher die 40 Minuten Stille davor, die ihn so einzigartig machten. Leider ist es fast unmöglich das in einem Film so rüberzubringen. Es gab viele andere Momente wie diesen, in denen es kein Felsengebirgshuhn gab um es zu amortisieren und wir beteten oft für ein Flugzeug, das über unsere Köpfe hinweg fliegen würde, damit wir eine neue Position finden könnten.

FieldRecording.de: Wirst du auch weiter Dokus mit Künstlern oder gar Field Recordisten drehen?

Ich würde gerne einen weiteren Film über Klang machen, der weniger auf ein Individuum fokussiert ist, mehr auf den Klang an sich.

FieldRecording.de: Was ist dein nächstes Projekt?

Ich drehe derzeit einen Film über einen Stamm der Amazonas-Indianer, den sogenannten Cofan und ihren Kampf um ihren Regenwald in Ecuador.

FieldRecording.de: Bist du selbst Field Recordist? Wenn ja, was nimmst du am liebsten auf und welches Equipment nutzt du?

Ich bin nur Hobbyist und meine Aufnahmen sind nicht sehr gut, es sei denn Gordon ließe mich sein Equipment benutzen! Im Moment höre ich nur ohne aufzuzeichnen und schätze die Orte auf meine eigene Art.

Vielen Dank Nicholas für das Interview und wir wünschen dir alles Gute und weiterhin viel Erfolg als Filmemacher!

Fotogallerie

Nicholas hat uns ein paar exklusive Fotos von den Dreharbeiten zur Verfügung gestellt.

Vorschau auf Interview 2/2

Im zweiten Teil werden wir den Mann interviewen, der in Nicholas Film die Hauptrolle spielt. Er ist wohl einer der bekanntesten Field Recordisten weltweit,  Emmy-Award Winner und ein wirklich netter Kerl: Gordon Hempton.

Wer es noch nicht gelesen hat, findet das Review zum Film hier.

Links:

IMDb Nick Sherman: http://www.imdb.com/name/nm1652061/
SOUNDTRACKER Der Film: http://soundtrackerthemovie.com

 

Sebastian-Thies Hinrichsen

Sebastian-Thies Hinrichsen

Gründer, Betreiber und Chefredakteur von FieldRecording.de. Zudem Field Recordist und offizielles Mitglied der Wildlife Sound Recording Society. Profi mit mehrjähriger Erfahrung in Sachen Musik, Klanggestaltung, Tontechnik und Field Recording.