Interview: André Klar – Der Klangdieb

Er nennt seinen Blog „Klangdieb“, seine Unternehmung „Depth of Sound“. Der 26 jährige André Klar aus Leipzig ist gelernter Audio Engineer und seit einigen Jahren erfolgreich selbständig. Neben seiner Tätigkeit als Sound Designer für Audio Branding, Dozent an zahlreichen Fachhochschulen, ist er auch einer von uns: Field Recordist. André Klar beantwortet in einem exklusiven Interview Fragen zu seiner Arbeit und aktuellen Field Recording Projekten.

„Field Recording bedeutet für mich eine überdurchschnittliche Erfahrung mit der Natur und ihrem Wesen.“

FieldRecording.de: André, du bist in der glücklichen Situation deinem Hobby auch beruflich nachgehen zu können. Wie bist du zum Sound Design und letztlich auch zum Field Recording gekommen?

André Klar: Das ist nun auch schon ein mehr als 10 Jähriger Weg den ich hinter mir hab. Alles begann als ehrenamtlicher Booker eines kleinen Clubs in meiner Heimat. An einem Abend hatten wir eine Band, welche viel mit elektronischen Mitteln gearbeitet hat. Nach dem Konzert kam ich ins Gespräch mit dem Menschen in der Band, der für die elektronischen Sounds zuständig war. Irgendwie ergab es sich, dass er mir eine Version eines Softwaresynth’s mit MIDI Editor auf meinen Laptop spielte. Ich war so fasziniert von den Möglichkeiten und der Idee das alles was ich gerade erzeuge aus einer Sinuswelle entsteht. Stück für Stück kam dann immer mehr Equipment und Softwaretools dazu.

Das private Interesse steigerte ich so weit, dass ich mir in den Kopf setzte, dass auf irgend eine Weise zu studieren. Ich machte also meinen Zivi zu Ende, machte ein sechs monatiges Praktikum in einem Tonstudio und begann 2007 in Leipzig Tontechnik zu studieren. Damals tat ich das nicht um mal Tontechniker zu werden, mein Ziel war immer Sound Design und die Tontechnik nur mein nötiges Werkzeug.

Nach dem Studium habe ich mich direkt als Sound Designer selbstständig gemacht und bin dann durch die unterschiedlichen Projekte und Anforderungen zum Field Recording gekommen. Ich biete zwar Field Recordings auch gewerblich an, es ist aber für mich eher als Hobby zu betrachten. Ein Hobby was ich sehr zu schätzen gelernt habe und was mir auch im Alltag sehr wichtig ist.

Kulkwitzer See, Leipzig (Foto von André Klar)

Aktuell sind meine Field Recording Projekte durch eine Forschungsstelle leider etwas zum erliegen gekommen. Ab nächstem Jahr soll sich das aber wieder ändern.

FieldRecording.de: Was und wie hast du als erstes Field Recording aufgezeichnet?

Andre Klar: Meine ersten Aufnahmen sind damals in einem Copyshop entstanden, in dem ich alle möglichen Geräte und auch die Laden-Atmo aufgenommen habe. Dort ist auch meine erste Library ‚PAPER’ entstanden.

Mein erster Richtiger Field Recording Trip führte mich damals nach Slowenien zu einem mehrtägigen Wanderausflug. Dort hatte ich noch keine externen Mikrofone und so hab ich alles direkt mit meinem Tascam DR-100 aufgenommen. Seitdem reizt mich vor allem das Reisen und die Natur beim Field Recording. Durch diese neu erlebte Lust von Natur, Sounds und neuen Ländern entstanden dann die Libraries „WATER“ und die letzte Veröffentlichung „NORWAY“.

 

FieldRecording.de: Wie oft bist du für Field Recordings unterwegs?

André Klar: Normalerweise mach ich 2 größere Trips im Jahr bei denen das Field Recording eine große Rolle spielt. Prinzipiell bin ich aber eins, zwei mal im Monat unterwegs, nur nicht aktuell, da nimmt mich die Arbeit in der Soundforschung zu sehr ein.

FieldRecording.de: Wissen die Kunden den Aufwand zu schätzen, dass bei ihren Aufträgen Field Recordings individuell erstellt werden, statt das auf Klänge aus der Dose, also kommerzielle Libraries, zurückgegriffen wird?

André Klar: Nein. Die Kunden sehen nur das Produkt, dass fertige Ergebnis. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass es in der kommerziellen Nutzung egal ist, wie du aufgenommen hast, mit welcher Technik du arbeitest oder wo der Ursprung der Natursounds liegt. Wichtig ist der Nutzen, den der Kunde daraus ziehen kann. Erst in der Forschung oder in wissenschaftlichen Industriebereichen ist die Herkunft oder der Aufnahmezeitpunkt relevant. Aber dieser Bereich fragt eigentlich so gut wie nie an. Wenn man sieht wo und wie die Aufnahmen eingesetzt werden, also in Filmen, Hörspielen oder Musik, wird einem klar, dass der Kontext keine Rolle mehr spielt und ausschließlich zum Dargestellten passen muss, egal wie viel Aufwand in den Aufnahmen steckt.

FieldRecording.de: Was macht Field Recording für dich so besonders?

André Klar: Field Recording bedeutet für mich eine überdurchschnittliche Erfahrung mit der Natur und ihrem Wesen. Meine Wahrnehmung hat sich zusätzlich zu meiner Arbeit als Sound Designer extrem erweitert, ich höre Dinge die vorher nicht existent waren in meinem Bewusstsein. Bereits bekannte Geräusche nehme ich viel differenzierter war. Field Recording lässt mich rausgehen, das wesentliche wahrnehmen und den Alltag abschalten. Die Technik spielt für mich nur eine untergeordnete Rolle bei den Aufnahmen.

FieldRecording.de: Was war bisher deine interessanteste oder spannendste Field Recording Session?

André Klar: Vor allem meine Reisetrips, die ich mit Field Recording verbinde sind eigentlich immer etwas sehr besonderes. In anderen Ländern unterwegs sein, Berge besteigen, Wälder durchstreifen, Flüsse durchwatten und dabei die Ohren zu spitzen, das alles mit einem Mikrofon und Aufnahmegerät in der Hand. Mein Mikrofon hat nun auch schon viele Länder und Berge hören dürfen, wie zu Beispiel Österreich, die Schweiz, Tschechien, Slowenien, Schweden, Norwegen oder meine letzte Reise auf die Färöer Inseln.

Dort geht es auch nicht ausschließlich um die Natur, auf den Färöer Inseln kam ich gerade an als der Nationalfeiertag stattfand. Die Menschen dort haben eine sehr besondere Kultur und singen am besagten Nationalfeiertag um Mitternacht, eine ganze Stunde Volkslieder. Da steht man nun, mit einer bunten Regenjacke inmitten von tausenden Färingern in Trachten, auf dem Marktplatz von Tórshavn und lauscht den traditionellen Gesängen, die von Jung bis Alt wirklich alle mitsingen können. Ein sehr beeindruckendes Erlebnis.

 

Oder 2012 in Norwegen, auf den Lofoten. Eine Bergtour und ich stehe da mit meinem Equipment und versuche etwas einzufangen. Da merke ich, wie still es ist. Kein Wind, der Berg zu hoch für die Klänge des Meeres oder der Fischerdörfer. Ich nehme also gerade nur Stille auf. Eine Stille, die selbst das Beste Equipment nicht einfangen könnte. Eine Stille so wunderbar und beängstigend zu gleich, dass mir die Aufnahmen nicht mehr wichtig sind. Und nach einigen Minuten wird die Stille durchbrochen von einer kleinen Biene, eine Biene die auf der Bergspitze umher summt und selbst auf dem Boden ihr freches Summen hinaus sirrt. Und genau das sind diese Momente, die mich so faszinieren am Field Recording.

 

FieldRecording.de: Welches Equipment hast du immer dabei?

André Klar:Eigentlich hab ich immer meinen Tascam DR-100 dabei. Praktisch, robust und zufriedenstellend in der Aufnahmequalität. Diesen werde ich aber in geraumer Zukunft noch durch einen Zoom H6 erweitern. Das eigentliche Equipment wird eigentlich nur genutzt wenn ich wirklich eine Tour oder spezielle Library Aufnahmen plane und umsetze.

FieldRecording.de: Mit welchen Tools und wie bearbeitest du deine Aufnahmen?

Wie schon bei der Aufnahmetechnik, bin ich auch bei Softwaretools sehr minimalistisch und versuche zu viel Verwirrung zu vermeiden. Prinzipiell arbeite ich mit den drei Tools, Samplitude, Logic X und iZotope RX. Dort nutze ich dann ausschließlich die programmeigenen Tools. Zusätzliche Plugins nutze ich eher selten und fast ausschließlich für Sound Design Experimente.

FieldRecording.de: Du hast auch deine ersten Field Recording Libraries im neuen Depth of Sound Library Shop veröffentlicht. Was hast du mit dem Shop noch so geplant?

André Klar: Wie schon oben erwähnt ist das Field Recording vor allem ein Hobby für mich und die Libraries sind wie kleine Trophäen. Verdienen tue ich damit nicht viel. Aber ich werde den Shop trotzdem weiter ausbauen und an neuen Libraries arbeiten. Aber es werden nur meine eigenen Arbeiten bleiben, ich hab kein Interesse daraus einen großen Shop zu machen in dem auch andere ihre Libraries veröffentlichen können. Der Aufwand wäre mir zu hoch.

FieldRecording.de: Muss man sich als kleiner Anbieter hinter den Großen, oder Open Source Portalen wie z.B. freesound verstecken?

André Klar: Die Frage ist vor allem, wie man die Arbeit betrachtet. Mir ist der Erfolg mit den Libraries nicht besonders wichtig, ich mache sie für mich und einige Interessierte Menschen. Wenn ich damit Geld verdienen wollte, müsste ich das ganze viel größer und exklusiver angehen. Aber verstecken muss sich da niemand. Wer von seinen Aufnahmen überzeugt ist sollte diese anbieten, egal über welche Wege, ob dass nun Open Source ist oder über bereits existierende große Anbieter, oder man sich am Ende einen eigenen kleinen Shop einrichtet. Hauptsache man teilt seine akustischen Erlebnisse mit anderen.

FieldRecording.de: Welche Field Recording Projekte hast du aktuell bzw. demnächst geplant?

André Klar: Geplant ist eine Winter Library, die schon zur Hälfte fertig gestellt ist. Im Februar, März sollen dafür die letzten Aufnahmen gemacht werden. Dann gibt es bereits Aufnahmen für eine Shopping Mall Library. Diese wird sich aber bestimmt noch etwas hinziehen, da die Aufnahmen zu diesem Projekt in Arbeit ausarten und genau geplant, bzw. Absprachen mit Läden und deren Leitern geführt werden müssen.

FieldRecording.de: Ein paar letzte Worte an die Field Recordisten da draußen?

André Klar: Lasst euch nie zu sehr von Technologien lenken. Diese sind nur Mittel zum Zweck. Konzentriert euch auf das Wesentliche: den Klang. Die beste Technik nützt nichts, wenn ihr an den schönsten Klängen vorbei lauft. Jeder Klang ist einzigartig und so sollte man ihn auch in der Aufnahmesituation behandeln.

FieldRecording.de: André, vielen lieben Dank, dass du dir Zeit genommen hast um unsere Fragen zu beantworten. Alles Gute für dich, weiterhin viel Erfolg und viel Spaß beim Field Recording!

Verlosung

[color-box]André Klar und Depth of Sound haben exklusiv für euch die Library „Norway“ FieldRecording.de zur Verlosung bereitgestellt. Wenn ihr mitmachen wollt, dann liked uns bei Facebook, folgt uns bei Twitter und sendet uns dann eine Mail dem dem Betreff „Norway“ an klangdieb@fieldrecording.de mit eurem Namen und vollständiger Adresse.

Einsendeschluss ist Mittwoch, der 18. Dezember 2013, 24 Uhr.

Rechtlicher Hinweis: Der Gewinner wird aus allen Einsendungen per Los gezogen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen!

Die Daten werden lediglich im Rahmen des Gewinnspiels verarbeitet und die des Gewinners an Depth of Sound für die Zusendung des Gewinns genutzt.[/color-box]

Links: 

Depth of Sound: www.depthofsound.de

Klangdieb Blog: www.klangdieb.de

 

Sebastian-Thies Hinrichsen

Sebastian-Thies Hinrichsen

Gründer, Betreiber und Chefredakteur von FieldRecording.de. Zudem Field Recordist und offizielles Mitglied der Wildlife Sound Recording Society. Profi mit mehrjähriger Erfahrung in Sachen Musik, Klanggestaltung, Tontechnik und Field Recording.