Review: Tracktion 4 – Neue DAW für Linux, Mac und Windows

DAW und Field Recording? 

Wer sich bereits mit dem Thema Field Recording beschäftig und womöglich sogar selbst schon einmal Aufnahmen gemacht hat, wird unweigerlich zu dem Punkt kommen, wo ein reiner Wavefile-Editor nicht mehr ausreicht. Komplexe Collagen der eigenen Aufnahmen lassen sich am komfortabelsten mit einer DAW wie Tracktion 4 erstellen. Hier hat man nahezu unendlich viele Audio-Spuren, kann Plugins flexibel pro Spur hinzu laden und das Editing vieler Spuren geht einfach und schnell von der Hand.

Günstige DAW für Linux, Mac und PC

Mit Tracktion 4 präsentiert die kleine Softwareschmiede von Tracktion Software Corporation eine neue Version seiner seit über 12 Jahren existierenden DAW. Sie bietet die für eine DAW typischen Grundfunktionen: Aufnehmen, Editieren, Komponieren, Mixen und Export an.

Besonderheiten sind in Version 4, neben dem äußerst günstigen Preis, der Ein-Fenster-Workflow, Safe und Loop Recording, die 64-bit Mix Engine mit bis zu 192kHz und die Nutzung auf den drei verschiedenen Betriebssystemen Linux, Apple OS X 10.8 und Microsoft Windows 7 und 8. Dabei werden die jeweils nativen Plugin-Formate unterstützt.

Im Rahmen dieses Reviews betrachten wir gezielt die Nutzbarkeit von Tracktion mit Field Recordings. Hierbei interessieren uns also nicht so sehr die MIDI-Funktionen, sondern primär das Editing von Audiofiles, das Arrangieren, Mixen und der Export.

Installation & Lizenzierung

Die Installation wurde auf einem aktuellen Apple iMac mit Mac OS X Mountain Lion durchgeführt. Hierbei ist lediglich das Image von der Herstellerseite zu laden und per Drag-n-Drop die Programmdatei in den Programmordner zu ziehen. Danach lässt sich Tracktion starten und mit den Login-Daten von Tracktion.com freischalten. Somit ist keine Eingabe von ellenlangen Seriennummern nötig.

Erster Eindruck

Download, Installation und Freischaltung hinter sich gebracht, präsentiert sich Tracktion 4 dem User mit seiner Projekt-Seite, die alle aktuellen bzw. zuletzt geöffneten Projekte und deren Inhalte auflistet. So hat man eine prima Übersicht über all seine Tracktion-Projekte und kann sie von dort aus mit einem Klick öffnen, prüfen und einem weiteren Klick laden.

Das optionale, nachträgliche Scannen von 87 installierten VSTs verlief ziemlich flott und klappte ohne Fehlermeldungen. Das ist etwas, dass selbst bei den großen DAWs nicht immer der Fall ist, insbesondere bei größeren Mengen an Plugins, Änderungen am System oder nicht 100%ig kompatiblen Plugins. Wichtig zu wissen ist, dass in Tracktion Plugins, egal ob mitgeliefert oder von Drittanbietern als „Filter“ bezeichnet werden.

Nachträglich importieren lassen sich auch Loops in den Formaten Acid, Apple, Rex, OGG, MP3 und WAV.

Um einen ersten Eindruck eines typischen Tracktion-Projekts zu bekommen, kann man einen der Demo Songs (über die Herstellerseite erhältlich) laden.

Beim Öffnen eines Projekts im Projects-Tab fällt auf, dass im rechten Bereich zunächst sämtliche Edits und aufgenommenes Audiomaterials aufgelistet wird. Im unteren Bereich werden sämtliche Informationen zu dem Projekt angezeigt. Von dort aus können Kopien des Projekts neue Edits erstellt, Audiomaterial importiert und letztlich auch das Projekt zur weiteren Bearbeitung geöffnet werden.

Wir öffnen nun den Edit eines Demo Songs und schon lädt Tracktion das vorliegende Projekt und das auch noch äußerst schnell.

Die Aufteilung der Arbeitsbereiche: Oben in voller Breite Audio- und MIDI-Spuren, nebst Effekten und div. Reglern. Mittig werden bis zu zwei „Racks“ angezeigt. Hier kann man flexibel Plugins miteinander verkabeln und beliebig austauschen. Diese Racks lassen sich dann auf eine, oder mehrere Spuren ziehen.

Und im unteren Bereich schließlich eine Transport-Sektion, die der anderer DAWs im Groben ähnelt. Hier finden sich die typischen Buttons für Wiedergabe, Aufnahme, Looping und Anzeigen für Tempo, Takt und CPU-Auslastung. Auch finden sich wichtige Einstellmöglichkeiten im unteren, linken Bereich als Buttons wieder.

Die CPU-Auslastung ist übrigens trotz des gut bestückten Demosongs (sowohl Audio als auch MIDI und Effekte) sehr gering, was insbesondere bei älteren Rechnern gut ist.

Insgesamt wirkt die GUI schnörkelos, aufgeräumt und durch die Farbgebung erinnert sie entfernt an Ableton Live. Einige Bereiche wirken allerdings auf uns irgendwie unfertig. Auch werden die angesprochenen Buttons für div. Einstellungen je nach Fenstergrösse und Monitor-Auflösung aufgebläht, was nicht so fein aussieht. Schön wäre es, wenn Tracktion zumindest das jeweilige Betriebssystem-Theme in der Oberfläche annimmt. Aber das ist eine rein subjektive Meinung.

Erste Handgriffe

Tracktion 4 lässt sich im Großen und Ganzen ähnlich wie Logic, Pro Tools und Co bedienen. Wer einmal eine DAW intensiv für Audio und MIDI genutzt hat, wird viele Parallelen erkennen und sich nach etwas Umgewöhnung an die teilweise vom „Standard“ jeglicher DAW abweichende Benutzeroberfläche gewöhnen.

Hilfreich ist die MouseOver-Funktion, die jeden Knopf und jegliche Funktion in Tracktion kurz und präzise erklärt. Somit kann man sich das Nachlesen im Handbuch hin und wieder ersparen.

Der integrierte Loop Browser ist eines der wichtigen Tools, wenn es darum geht Audiofiles – also auch Field Recordings – zu sichten und in das Projekt zu importieren. Ein großer Zeitsparfaktor ist dabei die vom Loop Browser angebotene Organisation in Kategorien. Dies funktioniert aber nur zuverlässig bei entsprechend getaggten Dateien. Nicht alle importierten GarageBand-Loops wurden ordnungsgemäß einsortiert, was aber nicht zwangsweise an Tracktion liegen muss.

In Tracktion aufgezeichnete, oder importierte Audio Clips lassen sich umfangreich bearbeiten, so sind Fades, Panning und Lautstärkeregelung direkt im Arrangement am sogenannten Clip möglich. Wird ein Clip mit der Maus markiert, öffnet sich im unteren Bereich von Tracktion eine Vielzahl an weiteren Einstellmöglichkeiten wie diverse Fades, Streching, Geschwindigkeit, Tonhöhe, Farbe, etc. In einem zweiten Tab „loop properties“ lassen sich „beat points“ setzen, Start und Ende des Loops, sowie automatisch Tonhöhe und Geschwindigkeit an das Projekt anpassen.

Folder Tracks ermöglicht das Verstecken von Track-Gruppen und die gemeinsame Bearbeitung aller Tracks in einer solchen Gruppe in einem Arbeitsgang. Tracktion bietet für Marker und Edits zusätzlich einen Marker Track an. Das hält insbesondere bei vielen Markern die Time Line aufgeräumt.

Editieren

Tracktion bietet sechs für eine DAW typische Werkzeuge zur Bearbeitung von Audio und MIDI.

Die Zeitleiste im oberen Bereich des Arrangements ist wie bei allen DAWs umschaltbar in Takte/Beats, Sekunden/Millisekunden, Sekunden/Frames und zeigt In/Out Marker an.

Audio Clips beinhalten importierte oder aufgezeichnete Audiofiles. Jeder Audio Clip bietet eingebautes Editing wie Volume Fade In/Out – also dem erstellen von Fades mit der Maus und einer Scrubbing-Funktion, ähnlich wie beim Tonbandschnitt, indem man das Playback durch das Ziehen der Maus vor und zurück steuert.

Der umfangreiche MIDI-Editor ist eher etwas für die Musiker. Er bietet in jedem Fall alle notwendigen Werkzeuge für Komposition, Editierung und Quantisierung von MIDI-Daten, z.B. wenn das Projekt von einem Sampler- oder Synthesizer-Plugin zur klanglichen Veredelung erhalten soll.

Tracktion 4 bietet ansonsten qualitativ hochwertiges Time und Pitch Stretching, also das Anpassen der Laufzeit, sowie der Tonhöhe. Dabei sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Die Algorithmen erlauben sowohl korrigierende Eingriffe in Tonhöhe und Laufzeit um Audiofiles an das Projekt automatisch anpassen zu lassen, aber auch extreme, fast schon künstlerische Eingriffe wie z.B. hochgepitchte Vocals für Dancemusik, oder zeitlich langezogene Klänge für Klangexperimente.

Ein weiteres, mächtiges Werkzeug für die Bearbeitung von Audiodateien ist das Effekt-Rack. Es ermöglicht das Laden und die Verkabelung von Effekt-Plugins für jede Spur. Hierbei können per Drag and Drop Effekte hin und her geschoben und neu arrangiert werden. Bis zu zwei dieser Racks lassen sich gleichzeitig anzeigen, mit Effekten bestücken und in die Spuren des Projekts ziehen. So kann man relativ schnell mehrere Spuren mit den gleichen Effekten versehen.

Eine Integration von Quicktime Video für z.B. Filmvertonung rundet das Paket an DAW-Werkzeugen ab.

Mix

Wie anfangs erwähnt werden Effekte in Tracktion Filter genannt. Rechts einer jeden Spur befinden sich ein kombinierter Volume/Pan Filter, ein Level Meter, Solo/Mute Schalter, und ein oder mehrere Effekt-Racks. Alle Komponenten lassen sich per Drag and Drop neu arrangieren und kopieren, pro Track oder Track-Gruppe. So kann z.B. mal eben schnell der EQ vor oder hinter dem Kompressor ausprobiert werden.

Tracktion unterstützt das Einfügen von Filter in Tracks, eine Gruppe von Tracks, Audio Clips oder Gruppen von Audioclips.

Und schließlich kann in Tracktion Mix Automation genutzt werden. Hierbei lassen sich Einstellungen aufzeichnen und wiedergeben um Parametersprünge oder Faderfahrten zu automatisieren. Für jeden Track lassen sich unterschiedliche Parameter auswählen, automatisieren und nachträglich bearbeiten.

Sharing is caring

Fertig erstellte Kompositionen lassen sich in den Formaten .wav, .aif und .mp3 exportieren. Hinzu kommt eine eingebaute Archivierungs-Funktion die er ermöglicht komplette Arrangements zu exportieren und mit anderen Tracktion-Benutzern zu teilen. Ideal für die Zusammenarbeit zweier Field Recordisten bzw. Musikern, oder wenn man mit dem Projekt vom Laptop auf den Desktop Rechner wechseln will.

Fazit

Für weit unter 100 Euro erhält man eine mit allen wichtigen Betriebssystemen kompatible und performante DAW. Das Fehlen von mitgelieferten Plugins stört nicht wirklich, gibt es doch haufenweise Freeware Plugins für den Start. Somit lässt sich günstig in die Welt der DAWs einsteigen. Der Support ist gut und wird durch ein User-Forum auf der Webseite von Tracktion ergänzt. Der Quick Start Guide und das umfangreiche Handbuch zeigen erst so richtig das volle Potential von Tracktion auf.

Die GUI ist vielleicht für einige anfangs gewöhnungsbedürftig, ist aber nicht überladen oder unverständlich. Der Ein-Fenster-Workflow hält alles zusammen und übersichtlich.

Die Funktionsvielfalt und Qualität der Funktionen ist einwandfrei. Während des gesamten Tests kam es zu keinerlei Abstürzen, auch nicht mit Drittanbieter-Plugins. Der Leistungsbedarf der DAW selbst hielt sich in Grenzen und wird lediglich durch Last beanspruchende Plugins erhöht.

+ Preis/Leistung

+ Kompatibilität

+ Workflow

+ Performance

Preis, Verfügbarkeit

Tracktion 4 ist ab sofort auf der Herstellerseite erhältlich. Die Vollversion kostet 59,99 $ (ca. 45 EUR), das Upgrade für ältere Versionen 29,99 $ (ca. 23 EUR).

Eine kostenlose Demoversion ist erhältlich.

Mehr Informationen zu Tracktion 4 auf der Webseite des Herstellers: www.tracktion.com

 

Sebastian-Thies Hinrichsen

Sebastian-Thies Hinrichsen

Gründer, Betreiber und Chefredakteur von FieldRecording.de. Zudem Field Recordist und offizielles Mitglied der Wildlife Sound Recording Society. Profi mit mehrjähriger Erfahrung in Sachen Musik, Klanggestaltung, Tontechnik und Field Recording.